Aggiornamento im Reformbetrieb

Einleitung von Wolfgang Nethöfel und Klaus-Dieter Grunwald

  

PDF

Aggiornamento_im_Reformbetrieb.pdf

  

Einleitung - Teil 1:

  

1. Statt einer Kairologie: Bemerkungen zur Lage

 

Kirchenreform jetzt? Ein erster Blick auf die Tagesordnungen von Kreis- und Landessynoden, aber auch von Kirchenvorstands- und kirchlichen Gremiensitzungen zeigt, dass überall Strukturreformen die Agenda bestimmen. Nach den zunächst von der Basis laut geforderten, schließlich mit beträchtlichem finanziellen Aufwand in Angriff genommenen großen Reformprojekten scheinen jetzt sogar in beiden großen Volkskirchen Veränderungsprozesse in Gang zu kommen, die auf allen Ebenen gleichzeitig stattfinden und dabei selbst die Zögerlichen und Skeptischen zum Umdenken zwingen. Endlich bewegt sich auch dort etwas, wo man es nicht mehr erwartet hätte. Ist es da nicht eher schädlich, im Gestus der Aufgeregtheit noch mehr zu fordern, subito? Und fördert man so etwas ausgerechnet durch einen Sammelband mit ganz verschiedenen Beiträgen zum allgemeinen Thema Reform?  Weder ein Mitglied im Kirchenvorstand noch ein Hauptamtlicher in den Gemeinden, geschweige denn ein sorgenbeladener Finanzreferent oder ein von schlechten Nachrichten geplagter Synodaler wird so etwas lesen, sagten wir uns selbst, als der Wunsch laut wurde, die Reformbeispiele zusammenzustellen, von denen wir immer wieder hier und da hörten, wenn wir in Sachen Kirchenreform unterwegs waren oder wenn wir uns in unserem Reformnetzwerk trafen.

Wir haben uns überzeugen lassen. Es ist wichtig, sich über die neue Lage zu verständigen. Die Reformprojekte der 70er Jahre sind nach den großen Aufbrüchen regelmäßig stecken geblieben. In den meisten Fällen blieb es bei verspätet einsetzenden Prozessen nachholender Modernisierung, die zu einer Stärkung und Professionalisierung der mittleren Verwaltungsebenen führten. Aber die Klagen, dass dies nicht immer und überall auch die Gemeinden stärke, ja sie oft nicht einmal wirklich von überflüssigen Arbeiten entlaste, werden genau jetzt lauter – wo diese Gemeinden selbst - weniger aus Interesse an Veränderung, sondern eher unter dem Druck durchgreifender Kürzungen - gezwungen werden, die gewohnten Verhaltens­weisen zu ändern und über Schwerpunkte und Kernziele ihrer Arbeit nachzudenken.

Längst organisieren modernisierte Firmen und zunehmend auch umorganisierte Verwaltungen nach einer zweiten, womöglich tiefer greifenden Reformwelle ihre funktionalisierten, schematisierten und zentral koordinierten Warenangebote und Dienstleistungen mit Hilfe einer leistungsfähigen Informations- und Kommunikationstechnik wieder auf die Bedürfnisse Einzelner hin. Im Idealfall unterstützt nun die gesamte Leistungskraft einer großen Organisation jenen entscheidenden Kundenkontakt, dessen personale Unmittelbarkeit durch die kalte Rationalisierung moderner Reformmaßnahmen beeinträchtigt, nicht selten sogar nachhaltig unterbrochen wurde. Nun repräsentiert ein hochinformierter Profi eine im Wettbewerb überlebensfähige „postmoderne“ Organisation, die sich scheinbar in Echtzeit vom Kunden her und auf den Kunden hin organisiert: die nicht für sich selbst da ist, sondern für diejenigen, die gerade etwas brauchen. Wir setzen gleich hinzu, dass das auch schon in der Diakonie und auf Wohlfahrtsmärkten Maßstäbe setzt, um deutlich zu machen, dass hierin die erste aktuelle strategische Reformherausforderung für die Kirche liegt. Kann sie modernisierte Organisationen überholen, ohne diese einzuholen?

Die zweite Reformherausforderung klingt unter dem Wettbewerbsaspekt schon an. Sie lässt sich unter dem Stichwort „Globalisierung“ zusammenfassen. Diese wurde bis vor kurzem verleugnet, jetzt wird sie dämonisiert. Nun berufen sich beide Seiten auf sie, um in Verteilungskämpfen ihre Positionen zu begründen. Es werden immer radikalere Patentrezepte angeboten, um die Ursachen oder doch die Auswirkungen eines globalen wirtschaftlichen Wirtschaftszusammenhangs zu bekämpfen. Die Kirche muss hier nicht neutral bleiben, im Gegenteil. Aber gerade weil sie in weltweiter Solidarität den Globalisierungsopfern verpflichtet ist, kann sie den Umbau und die Neuausrichtung ihrer eigenen Organisationen nicht durch Globalisierungsstatements ersetzen, seien diese nun richtig oder falsch. Unter faktisch globalisierten Marktrückwirkungen sind kirchliche Tarifverträge wirklich eine Berufseintrittsbarriere, und sie mindern wirklich den Outcome für diejenigen, die lokal auf kirchliche Dienstleistungen angewiesen sind – solange nicht Dritte Lösungen gefunden werden. Immigrantengemeinden brauchen unsere kirchlichen Räume wirklich dringender als wir. Und das Angebot der Kerngemeinde bleibt ja nicht nur ihnen verschlossen, sondern es lässt auch einheimische Milieus und ganze Jahrgänge Heranwachsender dauerhaft ohne Orientierung in einem global wirksamen Desorientierungsangebot. Überregional sind die Kirchen zwar in den Medien präsent. Aber weder haben sie im deutschen Globalisierungskontext orientierende Reformimpulse setzen können, als die Politik diese verweigerte, noch – das lässt sich voraussagen – wird das Papstamt selbst die Weltgesellschaft christlich orientieren können; sie lässt sich allenfalls beeindrucken. In beiden Fällen beeinträchtigt die Reformunfähigkeit der Organisation die Glaubwürdigkeit der Botschaft. Vor dem Hintergrund faktischen Organisationsversagens wird kirchlicher Provinzialismus zur eigentlichen Herausforderung. Hinter einer hartnäckigen Reformverweigerung tritt der Egoismus kirchlicher Institutionen allerdings besonders deutlich hervor. In der Unbeirrbarkeit, mit der Positionen verteidigt werden, weil es Lehramtspositionen sind, oder in der Art und Weise, wie manche Kerngemeinden in die Rücklage greifen und andere in Haftungszusammenhänge verstricken, ohne dies auch nur wahrzunehmen, offenbart sich sogar ein kirchlicher Organisationsautismus ohne weltliches Pendant.

Gibt es spezifisch deutsche Reformherausforderungen, die nur unsere großen Volkskirchen betreffen? Sicherlich eignen sich wie beim Staat die gewachsenen kirchlichen Strukturen und Mentalitäten hierzulande mittlerweile besonders schlecht dazu, auf globale Herausforderungen zu reagieren, die sich lokal konzentrieren. Die Auswirkungen langfristiger demographischer Verschiebungen schwächen die Ressourcen, während die diakonischen und karitativen Anforderungen wachsen. Die tief greifenden gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüche stellen Organisationen vor epochale Orientierungsaufgaben, die selbst nicht wissen, wie sie ihre Modernisierungsaufgaben bewältigen sollen.

In allen großen Organisationen gibt es Reformgewinner und Reformverlierer. Die Blockierungsaktivitäten der letzteren können zuverlässig erwartet werden, und wenn man besser ist, kann man ihre Beharrungsroutinen mit Reformroutinen leer laufen lassen. Dies lässt sich sportlich sehen, solange man „draußen“ nicht wirklich gebraucht wird. Aber die Mikropolitik des Machterhalts kann sich in unseren Volkskirchen bei anstehenden Sparmaßnahmen ebenso wie bei drohenden Organisationsveränderungen bislang noch quer zu eher episkopalen oder eher synodalen Verfassungsstrukturen auf eine besonders fokussierte Verweigerungsmehrheit stützen. Sie lässt sich von den Vertretern unterschiedlicher Interessen immer noch zuverlässig mobilisieren, sobald in der Öffentlichkeit, vor Synoden oder in Beschlussgremien mit Laienvertretern die Interessen der Kerngemeinde an der Aufrechterhaltung des Status quo artikuliert werden. Der gewohnte Gottesdienst, zuverlässige Amtshandlungen, intensive Seelsorge und die Aufrechterhaltung eines hochschwelligen Clubangebots scheinen den Erhalt jeden einzelnen kirchlichen Gebäudes und aller Plan- und Kostenstellen zu erzwingen, obwohl die Zielgruppen immer älter und immer kleiner werden. Da darf es nicht verwundern, wenn kirchliche Verwaltungen, die sich hinter dieser mit allen Mitteln gehaltenen Frontlinie des kirchlichen Angebots eingegraben haben, wie Deutschlands letzte Behörden erscheinen. Sie können, so scheint es, Effizienz- und Effektivitätsansprüche ebenso wie die Einklagung von Mindeststandards im Kundenkontakt aus prinzipiellen Erwägungen von sich weisen.

Spätestens heute sagt man das staatlichen Verwaltungen zu Unrecht nach. Und staatsanaloge Verhaltensweisen verdecken in kirchlichen Organisationen wohl nur einen ekklesiologischen Fehlschluss, der – in diesem Falle leider – in ökumenischen Varianten existiert: Ich darf mein Organisationshandeln nicht verändern, weil sich durch mich die Kirche organisiert. Schaut man etwas genauer hin, kann man wieder über Konfessionsgrenzen hinweg einerseits theologische, anderseits spirituelle Reformhindernisse unterscheiden. Reformmaßnahmen müssen vielleicht schon deshalb theologisch begründet werden, weil die Reformverweigerung sich in spezifischer Weise theologisch begründet. Aber die theologische Diskussion verweist dann je länger, je deutlicher weniger auf eine theologisch verbrämte Reformunwilligkeit als auf eine tiefer verankerte theologische Unfähigkeit zur Reform. Ein entscheidender Grund, warum kirchliche Reformprozesse nicht tief greifen und nicht nachhaltig wirken, ist eine Theologie, die sich von der Empirie abgekoppelt hat und die prinzipiell nicht auf psychische, organisatorische und soziale Prozesse reagieren oder einwirken kann.

Wenn man hier auf eine funktionale Konvergenz existenz- und dialektisch-theologischer Traditionen verweist, auf zusammenwirkende hermeneutische, subjektivitäts- oder transzendentaltheologische Ansätze, so scheint damit zwar wieder eine spezifisch deutsch-pro­tes­tantische Konstellation angesprochen. Aber diese hat ja nicht nur hierzulande, sondern mit weltweiter Reichweite ein katholisches Pendant, bei dem mit demselben Instrumentarium ein ebenfalls empirieresistenter neoaristotelischer Diskurs relativ oberflächennah modernisiert wird. Typisch protestantisch ist, dass jeder Reformer seinen Ansatz selbst senkrecht von oben begründet. Ökumeneweit unterentwickelt ist die Kultur des theologischen Diskurses. Es gibt weder eine Weiterentwicklung der Ekklesiologie durch die Verarbeitung praktischer Erfahrungen noch eine konsequente theoretische Verarbeitung kirchlicher Reformen, an denen sich die Praktiker orientieren könnten – von einer Kultur gemeinsamen Lernens ganz abgesehen.

International verhindert dies die kooperative Erforschung weltweiter religiöser Wachstumsphänomene, besonders bei den Pfingstgemeinden in Lateinamerika, Asien und Afrika. Theologische Abschottung erschwert die kritische Analyse von Lösungsansätzen, wie sie die erfolgreichen Zielgruppengottesdienste nach dem Willow-creek-Vorbild anbieten könnten, lässt das gelegentliche Zusammenwirken bei der Lobbyarbeit in internationalen Organisationen ohne gemeinsame Basis und blockiert die strategische Planung großer Events oder den gemeinsamen Einsatz von elektronischen Medien für christliche Campagnen. In Deutschland unterbleibt die nahe liegende gemeinsame Analyse von Partizipationsproblemen, die die Volkskirchen mit Parteien und Gewerkschaften teilen, oder der regionalen Auswirkung globaler oder doch europaweiter Trends: bei Phänomenen neuer Religiosität, bei demographischen Verschiebungen, in schrumpfenden Städten. Theologisch begründete statt institutionell eher erzwungene Kooperation gelingt weder bei den gemeinsamen Herausforderungen, wie sie von den modernen Naturwissenschaften, der Technik oder den Lebenswissenschaften ausgehen, noch bei den gelungenen Reformerfahrungen etwa in der Diakonie und in der Caritas, von denen Kirchen weltweit etwas für ihr Kerngeschäft lernen könnten: Stünden allgemein akzeptierte theologische Lernverfahren zur Verfügung, gäbe es Benchmarkingkriterien, die bewährte Erfahrungen theologisch legitimiert in konsistente Reformaktivitäten überführen könnten.

Reformrelevant sind stattdessen theologische Abwehrreflexe. Wir Protestanten haben Glück, wenn Forderungen nach Effizienz und Effektivität kirchlicher Strukturen nicht als „gesetzlich“ denunziert werden. In wiederum ökumenischen Spielarten begegnet der Verdacht, man wolle die Kirche an die Wirtschaft verkaufen, wenn man Reformforderungen konkretisiert durch den Hinweis auf Managementtechniken, im Rekurs auf professionelle Organisations- und Personalentwicklung – und dies wird dann gerne durch eine Ekklesiologie begründet, die selbst von krassem organisatorischem Versagen merkwürdigerweise gar nicht berührt wird.

Dies hat in beiden Volkskirchen Auswirkungen auf die Ausbildung der Geistlichen, auf die Auswahl des Führungsnachwuchses und den kirchlichen Führungsstil, der dann wieder zurückwirkt auf die Attraktivität des Pfarrberufs.[1] Das Ergebnis ist auch hier theologisch eher irritierend. Wir finden quer über die Konfessionsgrenzen hinweg auf denselben Führungspositionen nebeneinander die theologisch begründete Leugnung jeden Reformbedarfs neben der theologisch deduzierten Herleitung detaillierter Reformprogramme – ausgelöst beide von nahezu identischen Sparzwängen. Aber von wenigen Ausnahmen abgesehen überwiegt ein Unvermögen, konkrete Reformziele perspektivisch zu erkennen, sie präzise zu benennen, plausibel zu beschreiben, dies religiös zu kommunizieren und dann theologisch begründet und reflektiert einzuspeisen in den Organisationsdiskurs, etwa im Rahmen eines Leitbildprozesses. Nun ist dies aber vermutlich gar nicht das Haupthemmnis. Wenn es um die Umsetzung eines controllingfähiges Organisationsprogramms in konsequentes Organisationshandeln geht, zeigt sich, dass die vom theologischen Über-Ich beherrschten Auswahlverfahren handwerkliche und Eignungsdefizite haben, die tiefer, eigentlich: flacher sind. Unabhängig von der rechtlichen Ausgestaltung ihrer Führungsrolle fehlt es den meisten leitenden Geistlichen erkennbar an „leadership“: am Willen, strategische Ziele kirchlichen Reformhandelns verbindlich zu setzen und sich für diese Ziele unter persönlichem Risiko einzusetzen beziehungsweise diese im Team kon­sequent anzustreben.

Während also auch aus Gründen, die die Theologen unter uns sich selbst zuschreiben müssen, Reformen ausbleiben, schwinden nicht nur finanzielle, sondern auch personelle strategische Reserven, mit denen man Strukturveränderungen durchführen und neue Schwer­punkte hätte setzen können. Es ist eine Illusion, dass keine Fehler macht, wer nicht handelt. Es geht nicht um Reform um der Reform willen! Giovanni di Lampedusa, der adelige Autor des „Leoparden“, wusste noch, dass alles sich ändern muss, damit es dasselbe bleiben kann. Bei sich ändernden Umfeldbedingungen verändert am Schluss derjenige die Organisation am wirksamsten, der nur verwaltet. Und auch in der Kirche wirken vermutlich inzwischen die durch keine Reformimpulse gehemmten Verschleißerscheinungen, die dann unausweichlich sich einstellen, stärker verändernd als die von Konservativen oft beschworene Anpassung an Moden und Trends. Burnout-Phänomene und Mobbing-Fälle markieren nur die Spitze eines Eisbergs und sind als Einzelerscheinungen keineswegs kirchentypisch. Aber Kirchenmitglieder und Öffentlichkeit beklagen aus der Kundenperspektive, was Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht leugnen. Wir wollen auch dieser Katze die Schelle umhängen, wohl wissend, dass hierfür kein Dank erwartet werden darf:

Signifikant häufiger als in Firmen, häufiger als in staatlichen Verwaltungen, werden etwa im Raumangebot kirchlicher Organisationen, beim Mobiliar, bei der Verwendung von Geräten technische und ästhetische Mindest-, Vergleichs- und Sicherheitsstandards nicht eingehalten. Häufiger als nach dem Kontakt mit anderen Organisationen beklagen sich unsere Mitglieder, Klienten und Gäste über fehlende Sekundärtugenden wie Sauberkeit und Pünktlichkeit der Haupt- und Ehrenamtlichen, vermissen sie die gewohnten professionellen Mindeststandards bei Dienstleistungen, beklagen Unzuverlässigkeiten bei Verabredungen und beim Halten üblicher oder vereinbarter Fristen, fehlende Disziplin beim Einhalten von Verträgen, Ordnungen und Beschlüssen, thematisieren Stilfragen im Schriftverkehr ebenso wie im persönlichen Umgang, sei es im kleineren Kreis oder bei offiziellen Veranstaltungen.

Hierzu wäre dies und das zu sagen, wäre zu relativieren oder zu präzisieren, um nicht gerade die Falschen unter Generalverdacht zu stellen. Aber in der eigenen wie in der Fremdwahrnehmung hat die Kritik ein Gefälle, rollt von verschiedenen Ausgangspunkten immer wieder auf ein Zentrum zu. Unsere reformträgen Organisationen können schlecht feiern und ehren; sie haben keine Kultur der Wertschätzung von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern ausgebildet – wie wollen sie einladend auf Bedürftige und Fremde, Außenstehende und junge Menschen zugehen? Wenn in unserem eigenen ehrlichen Urteil etwas mit der Kritik übereinstimmt, die von außen kommt, dann doch dies: In aller Regel fehlt es ausgerechnet in unseren kirchlichen Organisationen an Herzlichkeit, Freundlichkeit, Großzügigkeit, an Gastfreundschaft und Freude – an den im Neuen Testament verheißenen und beschriebenen Gaben des Geistes.

Morose Stimmung und Mentalität, zunehmend auch eine Reformfrustration, die sich festgefressen hat, reichen im kirchlichen Bereich tiefer als die auch schon fast sprichwörtliche deutsche Misere. Wenn Laien ihre Mitarbeit wieder einstellen, weil sie den Arbeitsstil in Kirchenvorständen und Pfarrgemeinderäten als – verglichen mit der oft verteufelten Wirtschaft! – besonders anstrengend und als verletzend empfinden, dann muss uns spätestens das alarmieren. Es ist vielleicht das deutlichste Signal für einen kirchlichen Reformstau, den wir in der Tat - jetzt! durch eigene Aktivität - überwinden müssen, dass sich in beiden Kirchen Organisationssymptome eines speziell spirituellen Versagens häufen; der Markenkern scheint gefährdet. Auch mit den Gaben des Geistes kann eine Organisation offensichtlich mal besser, mal schlechter umgehen.

Wir spüren keinen Reformimpuls, der uns einfach mitreißen würde: weder von oben noch von unten. Es gibt keine kirchliche Reformbewegung, der wir uns anschließen könnten. „Kein Aufbruch droht“, fasst Paul Zulehner jene Stimmung zusammen. Sie ist zutiefst unevangelisch. Ecclesia semper reformanda! – das soll uns doch Mut machen![2] Und noch unsere harte kirchliche Selbstkritik steht ja unter einer urevangelischen Gewissheit und Verheißung: „Wir vermögen nichts wider die Wahrheit, aber mit der Wahrheit“ (2. Korinther 13,8). Müssen wir auf ein „Aggiornamento“ warten, wie Johannes XXIII es vor dem Konzil gesprochen hat? Tatsächlich geht es zunächst um einen Perspektivwechsel. Alle Beteiligten an den real existierenden Reformprojekten, von denen im Folgenden die Rede sein wird, haben zunächst den Blick vom eigenen Bauchnabel gelöst und sich umgeschaut, was es schon gibt.

„Aggiornamento“ bedeutet „auf Tagesstand bringen“, aktualisieren – eine Brücke zu schlagen von der Vergangenheit in die Zukunft. Der Geist gab hier als Erstes Mut, kritisch zu überprüfen, was da ist, was verbesserungswürdig ist und was radikal aufgegeben werden muss. Zum Aggiornamento gehört allerdings ebenso die Frage: Was wagen wir neu? Zu den inhaltlichen Leitfragen eines Aggiornamento in der christlichen Traditionsgemeinschaft gehören unter anderem, gelebte Religion und gelehrte Theologie zusammenzubringen sowie die staatsanaloge Struktur aufzugeben, Einer passiven Empfängermentalität auf der einen und einem wie immer eingefärbten pfarrherrlichen Denken auf der anderen Seite ist wirksam und nachhaltig entgegenzuwirken – damit sie sich nicht länger gegenseitig stabilisieren und die Organisationen lähmen können. Schließlich: Ein in Wahrheit strukturkonservatives Kürzungsprogramm mit großem Medieneinsatz und Eventspektakel zu überdecken, ist eigentlich in keiner der beiden Volkskirchen erstrebenswert. Neoliberale Ideologie bedroht Solidaritätsvorstellungen, die wir teilen und die wir weder draußen dulden, noch drinnen exekutieren können, ohne unseren „Markenkern“ zu bedrohen: Glaubwürdigkeit.

Um die Gaben des Geistes können wir nur beten, aber so: „Herr erneure deine Kirche – und fange bei mir an!“ Es gibt auch bei Strukturreformen keine „billige Gnade“! Aber vielleicht geht der Heilige Geist in Organisationen einen besonderen Weg: den des self fulfilling prayer. Wenn wir unsere berechtigte Klage vor Gott bringen und uns anschließend orientierend umschauen, nehmen wir ja sehr wohl an vielen Orten Reformbewegungen wahr. Und jene „Vergegenwärtigung“ des Evangeliums gelingt hier und da sogar exemplarisch. Ganze Landessynoden setzen jenem verbreiteten Einverständnis mit dem organisatorischen Dahinmickern der Kirche das Motto „Wachsende Kirche“ entgegen. Downsizing? Allenfalls nach einem Wort von Bischof Axel Noack: „Fröhlich kleiner werden und dennoch wachsen!“

Wer sich selbst in kirchlichen Reformprojekten engagiert, stellt immer wieder fest, dass er nicht allein ist. Allerdings verdichtet sich dieser Erfahrungszusammenhang bisher nicht. Auch hier geschieht der erste Schritt wie von selbst.


[1] In Varianten, die im wesentlichen auf den zölibatären Priestermangel zurückzuführen sind, wirken im Hintergrund Verschiebungen in den hierfür in Frage kommenden Bildungsmilieus und in der staatlichen Organisation der theologischen Ausbildung zusammen; vgl. Veronika Drews, Steffen Griesel, Wolfgang Nethöfel (IWS), „Weichgespült“ oder „Stonewashed“? Stand und Funktion kirchlicher Mitarbeiterbefragungen in den Landeskirchen, Deutsches Pfarrerblatt 9/2004, S.473-474, 479f.

[2] Vgl. dazu Theodor Mahlmann, „Ecclesia semper reformanda“. Eine historische Aufklärung, in: Theologie und Kirchenleitung (FS Steinacker), hrsg. von Hermann Deuser/ Gesche Linde/ Sigurd Rink, Marburg 2003, S.57–77.

  

Fortsetzung der Einleitung im PDF-Dokument:

  

 

PDF

Aggiornamento_im_Reformbetrieb.pdf