
Lebensstile in der Regionalisierung in Stadt und Land
1. Lebensstilforschung – ein Perspektivgewinn
Die vierte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD hat ein weiteres Mal die relative Stabilität der Mitgliedschaft in vieler Hinsicht aufgezeigt.[1] Weil diese Stabilität aber als eine Stabilität im Wandel verstanden werden muss – schließlich treten weiterhin viele Mitglieder aus und verändern sich Strukturen und inhaltliche Schwerpunkte kirchlicher Arbeit sehr stark – sollte die Erforschung von Lebensstilen die Studie bereichern.
Mit dieser Perspektive auf die Lebensstile von Mitgliedern lassen sich Differenzen wahrnehmen, die über Unterschiede zwischen Alten und Jungen, Reichen und Armen hinausgehen. Geschmackliche Differenzen, verschiedene Motivationen, Sinndeutungen, Handlungsmuster, Wertvorstellungen oder Unterschiede in der Orientierung auf lokale oder überregionale Zusammenhänge machen deutlich, warum kirchliche Arbeitweisen bei den einen auf Begeisterung, bei den anderen auf Unverständnis oder Desinteresse stoßen.[2]
Diese Erkenntnisse lassen sich nutzen für Kirchen- und Gemeindeentwicklungsfragen, für strategische Entscheidungen und entsprechende Prozesse wie die Strukturentwicklung z.B. durch Regionalisierung.
2. Das Verfahren
In die Repräsentativbefragung von Kirchenmitgliedern und Konfessionslosen wurden zusätzlich fünf Fragen nach Wert- und Normorientierungen, Lebenszielen, Freizeitbeschäftigungen und dem Musikgeschmack aufgenommen. Anhand dieser Fragen wurden Cluster von Mitgliedern gebildet. Es handelt sich hier um Idealtypen von Menschen, die sich in den verschiedenen Aspekten ihrer Lebensführung mit einer hohen Wahrscheinlichkeit ähnlich sind. Sozialstrukturelle Merkmale wie Alter, Bildung oder Lebensform wurden nachträglich zugeordnet. Mit ihrer Hilfe lassen sich die Typen leichter beschreiben und in der Beschäftigung etwa mit der eigenen Gemeinde „wiederentdecken“.
Sechs Lebensstile evangelischer Kirchenmitglieder
Typ 1: Die Hochkulturellen (hochkulturell-traditionsorientiert) – Altersdurchschnitt: 63 Jahre
Wertorientierung:
gesellschaftliches Ansehen, Altruismus, Engagement Freizeit: Ausstellungen,
Konzerte, Bücher, Kontakte zu Familie / Freunden Musikgeschmack:
klassische Musik, Oper, Jazz |
Typ 2: Die Bodenständigen (gesellig-traditionsorientiert) –
Altersdurchschnitt: 65 Jahre
Wertorientierung:
sparsam, oft altruistisch und naturverbunden Freizeit: Geselligkeit,
Kontakt mit Familie, Freunden, Nachbarn Musikgeschmack:
Volksmusik |
Typ 3: Die Mobilen (jugendkulturell-modern) – Altersdurchschnitt: 29
Jahre
Wertorientierung:
Unabhängigkeit, Lebensgenuss, Attraktivität Freizeit:
Aktivsport, Kino, Computer, kaum Nachbarschaftskontakte Musikgeschmack:
Rock- und Popmusik |
|
Typ 4: Die Kritischen (hochkulturell-modern) – Altersdurchschnitt:
44 Jahre Wertorientierung:
eher modern Freizeit:
hochkulturell und jugendkulturell Musikgeschmack:
keine Volksmusik |
Typ 5: Die Geselligen (von Do-it-yourself geprägt, modern) –
Altersdurchschnitt: 42 Jahre
Wertorientierung:
oft altruistisch, meist modern Freizeit:
Arbeit in Haus / Garten, Sport, Kino, Nachbarschaftskontakte Musikgeschmack:
eher Rock- und Popmusik |
Typ 6: Die Zurückgezogenen (traditionsorientiert, unauffällig) –
Altersdurchschnitt: 53 Jahre
Wertorientierung:
traditionell Freizeit:
kaum Kontakte, zurückgezogen, eher passiv & unauffällig Musikgeschmack:
Volksmusik |
(Bezeichnung der Typen nach: Schulz, Claudia / Hauschildt, Eberhardt / Kohler, Eike: Milieus praktisch. Analyse- und Planungshilfen für Kirche und Gemeinde, Göttingen (2008). In Klammern sind die Bezeichnungen der vierten EKD-Kirchenmitgliedschaftsstudie aufgenommen.)
Anhand des Datensatzes der Repräsentativbefragung können die Lebensstiltypen nun nach ihren Vorlieben und Erwartungen „befragt“ werden. Hier werden nun Grundlinien kirchlichen Handelns sichtbar, die von den Unterschieden in der Lebensführung stark betroffen sind: Das Interesse an Hochkultur, an Konzerten, Gesprächskreisen oder Vorträgen ist wesentlich in zwei Lebensstilen, nämlich den Typen 1 und 4 konzentriert. Das Interesse an Geselligkeit findet sich am deutlichsten bei den Typen 2 und 5, während andere Stile wie etwa die Typen 3 und 6 sich von den klassischen Formen nachbarschaftlicher Geselligkeit eher distanzieren – ohne sich damit prinzipiell gegen Gemeinschaft oder enge Kontakte entscheiden zu wollen. Geselligkeit scheint eine Frage des Stils zu sein, ebenso wie es für den Musikgeschmack oder den Bezug zum Wohnort der Fall ist: Während die klassischen geselligen Typen am stärksten auf ihre unmittelbare Wohnumgebung konzentriert sind, beziehen sich andere ebenso auf überlokale Zusammenhänge. So ist der hochkulturell-moderne Typ 4 etwa stärker für ein Eine-Welt-Projekt zu gewinnen als für die kirchliche Senioren-Initiative im Stadtteil.
3. Ergebnisse für Kirche und Gemeinde
Die sechs Typen unterscheiden sich erheblich in ihrer Nähe zur Kirche und der Intensität ihrer Erwartungen an die Kirche, ihre Angebote oder ihre Hauptamtlichen. Der Typ 1 lässt sich dabei als der am stärksten kirchenverbundene, der Typ 3 als der am schwächsten kirchenverbundene Typ bezeichnen. So erwägen oder planen kaum 2 % der Mitglieder des hochkulturell-traditionsorientierten Lebensstiltyps 1 den Kirchenaustritt, aber fast 15 % der Mitglieder des jugendkulturell-modernen Typs 3. Sie repräsentieren damit mehr als die Hälfte der insgesamt austrittsbereiten Mitglieder. Ähnlich starke Unterschiede finden sich auch in der Bewertung der so genannten Kerntätigkeiten der Kirche: Verkündigung, Lebensbegleitung durch Kasualien und Seelsorge sowie die Hinwendung zu den Schwachen und Hilfsbedürftigen. Jeder dieser Bereiche ist im Durchschnitt für fast die Hälfte der Befragten ein Grund für die eigene Kirchenmitgliedschaft. Mit Blick auf die Lebensstile ergibt sich ein differenziertes Bild: Beim Lebensstiltyp 1 fungieren diese Tätigkeiten der Kirche für bis zu 80 % der Mitglieder als Mitgliedschaftsgrund, beim Typ 3 sinkt die Zustimmung auf Werte zwischen 20 und 40 %. Die Möglichkeit, in der Kirche mitzuarbeiten, oder das Bedürfnis, Gemeinschaft zu erleben, waren seit Jahrzehnten für kaum 20 % der Mitglieder ein Grund für die eigene Mitgliedschaft. Beim eher kirchenfernen Lebensstiltyp 3 stimmen hier weniger als 8 % der Befragten zu.
Ähnliche Unterschiede finden sich etwa in der Bedeutung der Person der Pfarrerin oder des Pfarrers: Während in den kirchenverbundenen Lebensstilen der persönliche Kontakt zu ihr oder ihm als wichtig oder sogar sehr wichtig empfunden wird, sind es im jugendkulturell-modernen Lebensstiltyp 3 kaum 10 % der Befragten, die eine solche Einschätzung teilen. Dennoch wird hier der Anspruch, sie oder er möge ein Vorbild für andere sein, noch erstaunlich häufig geteilt. Die Bedeutung der Geistlichen ist demnach für solche jüngeren und in der Kirche wenig integrierten Mitglieder vermutlich stärker eine symbolische, medial vermittelte oder auch als Klischee tradierte.
Die Reihe solcher lebensstilspezifischen Vorlieben und Logiken lässt sich ausweiten auf Fragen von Ehrenamt und Beteiligung in der Kirche, von Gottesdienst und Gemeinschaft, Austrittsgründen und konkreten inhaltlichen Ansprüchen an kirchliche Arbeit.[3] Am Beispiel einiger Kernfragen der Regionalisierung soll abschließend deutlich werden, wie sich die Lebensstil-Perspektive für kirchenstrategische Entscheidungen nutzen lässt.
4. Perspektiven auf Regionalisierungsprozesse
Ein entscheidender Begriff in Regionalisierungsprozessen ist die Beheimatung bzw. Bindung an die Kirche oder Gemeinde: Wie kann in neuen, parochialen oder überparochialen Zusammenhängen ein Gemeinschaftsempfinden entstehen, ohne dass dies die Beheimatung der Menschen in „ihrer Kirche“ oder „ihrer Gemeinde“ bedroht? Ein Blick auf die lebensstilspezifische Logik einer solchen Beheimatung zeigt unterschiedliche Perspektiven: Für die auf lokale Kontakte und quasi nachbarschaftliche, persönliche Beziehungen in der Kirche konzentrierten Lebensstile (v.a. die Typen 2 und 5) werden entsprechend Momente einer solchen persönlich-lokalen Beheimatung relevant. Das heißt dann: Kirche ist gut, wenn ich die Leute kenne, oder: Kirche ist gut, wenn die Arbeit mit meiner Lebensumgebung zu tun hat. Dass unterschiedliche Organisationsformen von Kirche zu einer solchen Haltung besser passen als andere, ist zu vermuten.
Eine hohe Traditionsbindung, wie sie in den Lebensstilen 1, 2 und 6 zu finden ist, knüpft Beheimatung viel stärker an Elemente kirchlichen Handelns, die eine solche Tradition repräsentieren: Gebäude, Pfarrstellen oder vielleicht noch viel stärker Pfarrhäuser, Umzüge zu Erntedank etc. Für die intellektuell gut ansprechbaren Lebensstile (vor allem die Typen 1 und 4) bedeutet Beheimatung häufig eine inhaltliche Übereinstimmung. Kirche ist nach dieser Logik dort gut, wo sie Themen vertritt, Haltungen symbolisiert und gesellschafts- oder sozialpolitische Aktivitäten stärkt. Übrigens korrespondiert eine solche Interessenlage mit einer erhöhten Mobilität und einem eher gesamtkirchlichen Selbstverständnis.
Hier wird sichtbar, dass auch die Orientierung an lokalen oder eher überlokalen Bezügen eine große Rolle spielt: Ob die Mitglieder Kirche vor allem als relevant für ihre persönliche Lebenssituation in der unmittelbaren Wohnumgebung wahrnehmen oder eher die weniger an lokale Bezüge gebundene inhaltliche Übereinstimmung schätzen, bedingt unmittelbar, was für einen Regionalisierungsprozess in den Vordergrund rücken muss.
Dabei sind auch die Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Situationen zu berücksichtigen. Zum einen finden sich einige Lebensstile typischerweise im städtischen Kontext wieder (etwa die Typen 3 und 4), andere stärker im ländlichen (wie der Typ 5 und teilweise auch der Typ 2). Manchmal liegen, vor allem im Stadtrandgebiet oder in Ballungsräumen soziostrukturelle Unterschiede oft quer zu lebensstilspezifischen Interessen: Im Vorort einer Großstadt kann die Orientierung einer Familie mit einem mittleren Einkommen auf den Ort selbst gerichtet sein, wo man entsprechend eine lokal ausgerichtete kirchliche Arbeit erwartet. Ebenso kann, v.a. bei Menschen, die zur Arbeit pendeln, die Orientierung überlokal ausgestaltet sein, so dass auch in Bezug auf Kirche stärker die thematischen Schwerpunkte eine Rolle spielen als eine lokale „Versorgung“. Menschen mit derartiger Orientierung sind bereit, für ein kirchliches Angebot Wegzeiten in Kauf zu nehmen, und begrüßen eine Profilierung von Kirche vor Ort durch Regionalisierung, während die anderen eher den Abbruch vertrauter Bezüge fürchten.
So sind auch die Ängste in Bezug auf Regionalisierungsprozesse als lebensstilspezifische Ängste zu verstehen: Während die einen speziell durch Gefühle der Beheimatung an ihre Kirche gebunden sind, erwächst eine solche Bindung bei anderen stärker durch konkrete Chancen zur Mitgestaltung, durch Gelegenheiten zum Erleben neuer, inspirierender Ideen und Verhaltensweisen oder durch eine Kultur der konstruktiven Auseinandersetzung. Und auch hier: Was die einen lieben, fürchten unter Umständen die anderen. Abwehrreaktionen gegenüber Strukturveränderungen lassen sich ebenso wie das Interesse an ihnen aus solchen spezifischen Vorlieben verstehen und entsprechend berücksichtigen. Wenn es gelingt, Regionalisierungsprozesse so zu gestalten, dass sie das lebensstilspezifische Interesse an Kirche stärken und zugleich die lebensstilspezifischen Werte berücksichtigen, ist das ein großer Gewinn.
Anmerkungen:
[1] Friedrich, Johannes / Huber, Wolfgang / Steinacker, Peter (Hg.), Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge. Die vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh (2006).
[2] Für ausführliche methodische Hinweise und weitere Details vgl. Benthaus-Apel, Friederike, Lebensstilspezifische Zugänge zur Kirchenmitgliedschaft, in: Friedrich, Johannes / Huber, Wolfgang / Steinacker, Peter (Hg.), Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge. Die vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh (2006), 205-236.
[3] Dies ist in Ansätzen geschehen im zweiten Band der vierten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung: Hermelink, Jan / Lukatis, Ingrid / Wohlrab-Sahr, Monika (Hg.), Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge. Die vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Band 2: Analysen zu Gruppendiskussionen und Erzählinterviews, Gütersloh (2006).
"Lebensstile in der Regionalisierung in Stadt und Land" - Ein Vortrag von Dr. Claudia Schulz auf der gemeinsamen Fachtagung des "Zentrum für Organisationsentwicklung und Supervision der EKHN" (ZOS) und des Netzwerk "Gemeinde und funktionale Dienste" zum Thema "Regionalisierung in der Kirche. Zukunftsmodelle und Sackgassen" im Taunus (November 2006).
Die Autorin: Dr. Claudia Schulz, lebt in Bremen und ist in ihrer Freizeit Pastorin der Bremischen Evangelischen Kirche. Sie studierte Religionswissenschaft, Soziologie und Evangelischen Theologie und arbeitete unter anderem seit 1996 in der sozialwissenschaftlichen Forschung, Beratung und Erwachsenenbildung für kirchliche Einrichtungen (u.a. bei der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD), in der praktischen Theologie und in freiberuflichen Engagements. Sie war beim Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD in einem Projekt zur Armutsforschung tätig sowie in einem Projekt zur Milieuperspektive an der Universität Bonn. Im März 2008 beginnt ihre Lehrtätigkeit als Professorin an der Ev. Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg.
Bild: Privat .