Nach Wittenberg ist vor Wittenberg

Netzwerktagungen im Kontext des EKD-Zukunftskongresses

  

   

Der Sprecher des Kirchenreform-Netzwerkes „Gemeinde und funktionale Dienste“, Prof. Dr. Wolfgang Nethöfel (Marburg), zeigte sich auf der diesjährigen Netzwerktagung vom 9. bis 11. Februar in Kaiserswerth (Düsseldorf) zufrieden über den Verlauf des Zukunftskongresses der EKD, der Anfang diesen Jahres in der Lutherstadt Wittenberg stattfand. Viele Themen und Aspekte, die bereits auf vorherigen Netzwerktagungen thematisiert worden waren, seien im Kern auch im Impulspapier des Rates der EKD aufgegriffen worden. „Wir sind mit dem Reform-Netzwerk gut aufgestellt“, sagte der Sozialethiker beim Abschlussplenum vor Vertretern aus zehn verschiedenen Landeskirchen und ökumenischen Gästen. Das 2001 in Darmstadt gegründete Netzwerk „Gemeinde und funktionale Dienste“ spiegelt im Namen den Reformgedanken der 70er Jahre wieder. Die Notwendigkeit zu Reformen habe sich in und nach Wittenberg bestätigt. Auf dem EKD-Kongress in der Lutherstadt gab es einen positiven Eindruck und Aufbruch. Die ausgelosten Beiträge hätten gezeigt, welches Potential in der Evangelischen Kirche stecke. „Das war ein unglaublicher Reichtum von Vielfalt, Bandbreite und Potential, gerade auch weil unterschiedliche und auch kritische Äußerungen, wie z.B. von Bischof Knuth, dabei gewesen waren“, schilderte Nethöfel.

    
Vor dem Kongress hat es unterschiedliche Erwartungen und Erkenntnisse gegeben. Doch nun müsse sich zeigen, was daraus werden kann. Der Netzwerksprecher lobte in seinem Bericht das mutige Vordenken von Oberkirchenrat Dr. Thies Gundlach (Kirchenamt der EKD) und Dr. Peter F. Barrenstein (Direktor bei McKinsey und EKD-Ratsmitglied). Zu einem richtigen Aufbruch-Kongress hätte es gehört, dass „am Ende alle auf die Tische steigen und klatschen: >>Jetzt geht’s los! Jetzt geht’s los!<<“, meinte der Marburger, der vor einige Jahren die Kongresse zum „Unternehmen Kirche“ initiiert hatte. Die Diskussionen in den „Leuchtfeuer-Foren“ auf dem Kongress seien zum größten Teil von einer großen Aufbruchstimmung geprägt gewesen, umso mehr bedauerte er das „eher nüchtern ausgefallene“ Schlusswort des Ratsvorsitzenden, Bischof Dr. Wolfgang Huber. 

         
Nun seien die Landeskirchen an der Reihe. Die EKD habe von vornherein gesagt, dass sie nur das Impulspapier und den Zukunftskongress zum Diskussionseinstieg in die Reformdekade gestalten könne, die nun für den Zeitraum von 2007 bis 2017 ausgerufen worden ist. Für weiteres habe die EKD auch bisher kein Mandat, und vor allem auch kein Geld. Schon allein der erste Zukunftskongress sei aus dem laufenden Haushalt finanziert worden, womit fast das alltägliche Geschäft gefährdet worden sei. Nun sind die Landeskirchen gefragt, die Reformdekade fortzusetzen. Bisher steht nur die nächste EKD-Synode in diesem Zeichen, sowie die im Schlusswort des Kongresses als einer der wenigen konkreten Ausblicke formulierten Idee einer Zukunftswerkstatt in Barmen. Jetzt sind die Landeskirchen gefordert, einzusteigen und fortzusetzen. Und hier seien die Reaktionen sehr unterschiedlich ausgefallen. Einige hätten den Impuls aufgegriffen und organisieren nun Nachtreffen, um zu überlegen, welche Konsequenzen die neu gewonnenen Ideen und Impulse für die Kirche vor Ort und den erschiedenen Reformprozessen innerhalb der Gliedkirchen selbst haben. Einige wenige andere Kirchenvertreten hätten bisher aber auch ablehnend reagiert: „Lass es erst mal Montag werden, dann ist der Spuk vorbei,“ hätte es noch in Wittenberg geheißen. 

         
In der Lutherstadt gab es aber auch sehr viel Reformwillen, gerade an der Basis. Dieser Eindruck wurde von den Teilnehmenden auf der 4. Wissenschaftlichen Tagung des Reformnetzwerkes in Kaiserswerth bestätigt, als sich Vertreterinnen und Vertreter verschiedenster kirchlicher Ebenen zum Thema „Gemeindeentwicklung in der Großstadt. Möglichkeiten exemplarischen Lernens“ austauschten. Einleitend gab es drei Praxisbeispiele: Den volkskirchlichen Aufbruch durch das Stadtkloster „Segen“ in Berlin (Prenzlauer Berg-Nord), das diakonische Ensemble mit der Weißfrauen-Diakoniekirche in Frankfurt am Main und der missionarischen Erneuerung am Beispiel der Apostelgemeinde in Oberhausen (Evangelische Kirche im Rheinland). Hintergrund aller drei Beispiele war die schwierige Situation, dass die Gemeinden die jeweiligen Kirchen aus finanziellen Nöten eigentlich hätten schließen müssen und nun in vielfältiger Form Neues wachsen kann. Die Kleingruppen und Plenumdiskussionen auf der Fachtagung boten vielfältige Möglichkeiten, sich über verschiedene Ansätze und Modelle von Gemeindeformen und Gemeindeentwicklung auszutauschen und zu informieren. Und im Schlussplenum waren sich auch fast alle Teilnehmenden in der Forderung einig, dass das parochiale Kirchturmdenken überholt sei und gerade in Städten und Großstädten die Parochien zu Gunsten einer gemeinsamen Kirchegemeinde mit vielfältigen Schwerpunktsetzungen aufzugeben sei. „Eine Regionalisierung trägt auch zur Profilbildung der Gemeinden bei,“ beteuerte der Darmstädter Oberkirchenrat Dr. Klaus-Dieter Grunwald (Evangelische Kirche von Hessen und Nassau).
In diesem Sinne wird auch das Netzwerk „Gemeinde und funktionale Dienste“ den Impuls aus Wittenberg, verstärkt über neue und alternative Gemeindeformen nachzudenken, auf seinen weiteren Tagungen verfolgen. So sind weitere Netzwerktagungen und auch Tagungen zum Austausch des exemplarischen Lernens mit mehreren Landeskirchen als Träger geplant und ein Netzwerk der Netzwerke (z.B. Citykirchenarbeit u.ä.) ins Auge gefasst worden. Zufrieden zeigte sich der Sprecher Prof. Dr. Nethöfel, dass nun auch einzelne Landeskirchen die Idee der Reformdekade aufgreifen und Folgetagungen zu Wittenberg arrangieren. 

So hatte der Schirmherr der Tagung, Präses Nikolaus Schneider, nicht nur über die Reformen innerhalb der Rheinischen Kirche berichtet, sondern auch angekündigt, dass die Evangelische Kirche im Rheinland für den 6. März eine solche Folgetagung organisiere. Auch in den Evangelischen Kirchen von Hessen und Nassau sowie Hannover sind solche Nachtreffen geplant, damit die Impulse aus Wittenberg auch in der breiten kirchlichen Öffentlichkeit weiter thematisiert werden und bleiben. Zur Vernetzung solcher Ideen und Projekte wurden auch die Kirchenreformdatenbank (www.kirchenreform.de) sowie die studentische Initiative mit der Internetplattform www.netzwerk-kirche-der-freiheit.de vorgestellt. „Wenn der EKD-Reformprozess Realität werden soll, dann geht es nur durch die Vernetzung einzelner Projekte“, betonte Prof. Dr. Nethöfel im Schlussplenum der Kaiserswerther Tagung. Hierzu zähle auch die Präsenz des Reformnetzwerkes bei anderen Veranstaltungen, so wird sich das Netzwerk auch in „Forum Gemeinde“ auf dem diesjährigen Deutschen Evangelischen Kirchentag in Köln engagieren. Nähere Informationen zum Reformnetzwerk stehen im Internet unter www.sagena.de bereit.

        
Stefan Bölts

     

 

Stefan Bölts ist Student der Evangelischen Theologie und
Mitarbeiter im Institut für Wirtschafts- und Sozialethik
an der Philipps-Universität in Marburg.