Die REVEAL-Studie von Willow Creek

Ein Beitrag von Jörg Ahlbrecht

 

… und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe! Matthäus 28, 20

Wir nennen die letzten Worte Jesu in Matthäus 28 den „Missionsbefehl“ und haben damit die Bandbreite seiner Worte eigentlich recht stark verkürzt. „Machet zu Jüngern“ ist mehr als Mission, zumindest mehr als das, wie Mission häufig verstanden wird. Es geht dabei nicht nur um das Gläubig-werden, sondern auch um die Aufnahme in eine Gemeinschaft und – ganz wesentlich – um geistliches Wachstum.
Dallas Willard spricht in diesem Zusammenhang von der großen Unterlassung der Christenheit (The great ommission – ein Wortspiel in Anlehnung an die englische Bezeichnung des Missionsbefehls The great commission)! Oft haben wir die Menschen zwar zu Jesus gerufen, aber ihnen nicht beigebracht, was es bedeutet, unter der Herrschaft Jesu zu leben!
Jesus sagte: Lehret sie halten! Er sagte nicht: Lehret sie wissen! Gemeinde Jesu tut mehr, als Informationen über den Glauben zur Verfügung zu stellen. Sie ist ein Ort der Befähigung! In ihr sollen Menschen in die Lage versetzt werden, das zu tun, was Jesus geboten hat! Das bedeutet, in erster Linie zu lieben - Gott und den Mitmenschen.


Dies geschieht nicht um sich damit den Himmel zu verdienen. Der wird uns allein aus Gnade geschenkt. Aber es geschieht, um diese Welt dem Himmel ein Stück näher zu bringen. Denn Menschen, die Christus ähnlicher werden, verwandeln ihr Umfeld! Sie wachsen mehr und mehr in das Potential hinein, das Gott in ihnen angelegt hat!

Menschen sollen sich in der Gemeinde Jesu verändern. Und diese Veränderung bedeutet nicht, dass sie seltsamer werden. Obwohl auch das vorkommt! Stattdessen sollen sie Jesus ähnlicher werden. Eben … halten, was Jesus geboten hat! Gemeinde soll Menschen befähigen zu diesem Prozess.
Nun lautet die spannende Frage: Geschieht das in unseren Kirchen und Gemeinden auch wirklich? Verändern sich Menschen in diese Richtung oder tun sie das nicht?

Wer beginnt, diese Fragen zuzulassen, steht sofort vor weiteren Fragen. Wonach beurteilen wir, ob es geschieht? Woran machen wir geistliches Wachstum fest? Wie kommen wir den Veränderungen im Herzen eines Menschen auf die Spur? Kann man das überhaupt? Oder schließen wir die Akte geistliches Wachstum mit dem Hinweis: Dieser Prozess ist nicht messbar, also ist geistliches Wachstum auch nicht überprüfbar. Viele ernst zu nehmende Menschen betrachten es als Geheimnis Gottes und schieben die Fragen damit beiseite.

Andere sehen durchaus Möglichkeiten, diesen Prozess zu messen. Dabei kann es selbstverständlich nicht darum gehen, den Glauben eines Menschen bewerten zu wollen. Dies steht allein Gott zu. Stattdessen geht es darum, grundsätzlich nach einer Bewegung zu fragen. Machen Menschen in der Gemeinde Schritte nach vorne oder tun sie das nicht? Und ist die Gemeinde dazu eine Hilfe, oder ist die das nicht.

 

REVEAL

Die Willow Creek Community Church im Nordwesten von Chicago hat im Jahr 2004 eine Untersuchung begonnen, deren Ergebnisse die gesamte bisherige Gemeindearbeit auf den Kopf gestellt haben. Willow hatte großes Wachstum erlebt – viele Menschen sind in den vergangenen Jahren zum Glauben gekommen. Nun wollte die Leitung der Gemeinde wissen, ob Willow auch in die Tiefe gewachsen ist.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Willow Creek sein Handeln überwiegend anhand von Zahlen überprüft. Wie viele Menschen kommen in den Gottesdienst? Wie viele Menschen lassen sich taufen? Wie viele besuchen die Kleingruppen? Wie viele arbeiten in der Gemeinde mit? Wie viele engagieren sich in der Arbeit für die Armen? Hinter der Frage „Wie viele“ verbarg sich die Annahme: wenn Menschen an den Programmen und Angeboten unserer Gemeinde mitmachen, werden sie dadurch wachsen. Wer regelmäßig Gottes Wort hört, wer Gemeinschaft mit anderen Christen erlebt, wer seine Gaben einsetzt, usw. der wird wachsen. Schwachpunkt dieser These: Sie war eben nur das – eine These, eine ungeprüfte Theorie! Also entschloss sich die Gemeindeleitung, eine gründliche qualitative Analyse durchzuführen.

 

In mehren Hundert qualitativen Interviews und mehreren Tausend Befragungen der Gemeindebesucher versuchte Willow zunächst einen Ansatzpunkt zu gewinnen, um das Unmessbare greifbar zu machen. In Anschluss daran entwickelten sie einen Fragebogen, der zunächst in der Gemeinde und sechs weiteren, später in 30 und dann noch mal in etwa 200 Gemeinden weltweit eingesetzt wurde. Die Ergebnisse waren erstaunlich!

Wichtigste Erkenntnis der ersten Phase: Willows These, dass geistliches Wachstum durch Teilnahme an gemeindlichen Veranstaltungen geschieht, konnte nicht bestätigt werden. Die Studie, mittlerweile unter dem Namen REVEAL bekannt geworden, zeigte keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Teilnahme an Gemeindeaktivitäten und geistlichem Standpunkt der Personen. Das Menschen Jesus ähnlicher werden, wurde durch andere Faktoren begünstigt.

Eine zweite Erkenntnis: Die Untersuchung förderte eine Art geistliches Kontinuum zutage. Menschen konnten aufgrund der Antworten, die sie gegeben hatten, zu bestimmten Gruppen zusammengefasst werden und zwar insgesamt 4 Hauptgruppen und zwei Ergänzungsgruppen.


Die erste Gruppe wurden „Die Sucher“ genannt. Sie sagten von sich, dass sie irgendwie an Gott glauben, aber mit Jesus noch nicht viel anfangen können.
Die zweite Gruppe hatte eine Glaubensentscheidung getroffen. Sie wurden „Die Starter“ genannt. Dies waren Menschen, die von sich selbst sagten, dass sie eine Beziehung zu Jesus haben und gerade dabei sind, herauszufinden, worin das Leben mit ihm besteht.
Die dritte Gruppe wurden als Menschen bezeichnet, die „Mit Jesus“ leben. Das bedeutet: Sie haben Erlebnisse und Erfahrungen mit Jesus gemacht und richteten sich in vielen Fragen ihres Lebens nach Jesus.
In der vierte Gruppe sagte die Menschen über sich: „Jesus ist das Wichtigste in meinem Leben. Alle Dinge in meinem Leben hängen von ihm ab.“ Diese Gruppe nannte Willow die „Christuszentrierten“.
Neben diesen vier Hauptgruppen konnten aber zwei weitere Gruppen definiert werden. Eine Gruppe von Menschen war aus dem Wachstumsprozess ausgestiegen. Sie bezeichneten sich selbst als „stagniert“ oder „stecken geblieben“. Sie hatten sich bekehrt, hatten hoffnungsvoll begonnen, aber irgendetwas hatte dann den Wachstumsprozess in ihnen zum Erliegen gebracht. Eine weitere Gruppe von Menschen war schon relativ weit in ihrem geistlichen Prozess vorangeschritten, war aber völlig frustriert. Sie beklagten sich über die Gemeinde. Häufig hörte man von dieser Gruppe: In dieser Gemeinde werde ich nicht genügend gefüttert. Die Menschen in dieser Gruppe waren zuverlässige und engagierte Mitarbeiter, sie hatten vieles in ihrem Leben mit Jesus erlebt, aber sie waren auch am ehesten auf dem Sprung, die Gemeinde zu verlassen.


Betrachtet man jede Gruppe für sich und fragt, welche Rolle die Gemeinde für sie hat, entdeckt man etwas Interessantes: Die Rolle, die die Gemeinde für die Menschen in den unterschiedlichen Stadien spielt, ist durchaus unterschiedlich.
In der Anfangszeit ist die Gemeinde der Impulsgeber für geistliches Wachstum schlechthin. Sie bietet die wichtigsten Wachstumsimpulse für Menschen, die auf der Suche sind, beziehungsweise erste Schritte in der Nachfolge Jesu unternehmen. Dann jedoch tritt eine Veränderung ein. Je weiter jemand im geistlichen Kontinuum voranschreitet, desto weniger wichtig wird die Gemeinde und desto mehr Bedeutung gewinnt die eigene Verantwortung des Menschen.
Ab einem bestimmten Punkt ist nicht mehr die Gemeinde die primäre Kraft für geistliches Wachstum, sondern der Mensch selbst. Wenn er nicht Verantwortung für sein Weiterkommen übernimmt, stagniert er. Gottesdienste und gemeindliche Aktivitäten vermögen einen Menschen ein gewisses Fundament zu geben. Wenn darauf aber nicht eigenverantwortlich aufgebaut wird, z.B. indem man in geistliche Übungen investiert, sich einen Mentor sucht, tiefer in theologische Themen und Bibeltexte einsteigt – dann werden weitere Wachstumsschritte ausbleiben.

Als die Leitung der Willow Creek Community Church mit diesen Erkenntnissen konfrontiert wurde, war das erschrecken zunächst groß! Sehr schnell haben Sie dann aber reagiert, haben ihr gesamtes Gemeindeleben neu durchdacht. An die Stelle des Gemeindegottesdienstes ist seit Juni dieses Jahres eine neue Veranstaltung getreten: Willow Classes. Nach 30-40 Minuten gemeinsamer Anbetungszeit bietet die Gemeinde insgesamt ca. 20 Klassen zu unterschiedlichsten Themen an. Dabei ist klar gekennzeichnet für welche Zielgruppe sich dieses Angebot eignet. Wer sich selbst als Sucher sieht, findet Hilfen genauso, wie jemand, der von sich selbst sagt, dass Christus ihm das wichtigste in seinem Leben ist!

Vor wenigen Wochen nun startete Willow die nächste Auswertungsrunde, um zu überprüfen, ob die Änderungen im Gemeindeleben Früchte tragen. Ergebnis ist noch offen …


Was können wir nun für den deutschsprachigen Kontext aus der REVEAL-Studie lernen?

Dies kann und soll hier nicht erschöpfend beantwortet werden. Aber REVEAL wirft eine Reihe interessanter Fragen auf:


  1. Entdecken wir auch in unseren Gemeinden ein solches geistliches Kontinuum – inklusive der beiden Sondergruppen? Und wenn ja, wie stellen wir uns mit den Angeboten auf diese Menschen ein?
  2. Ist es für unsere Gemeinden ein erklärtes Ziel, möglichst vielen Menschen zu helfen, „Christuszentriert“ zu leben? Würden wir unser eigenes Lebensziel so beschreiben?
  3. Wie viel Gedanken verwenden wir neben all den Planungen für Evangelisationen, Gottesdiensten und Gruppenleben auf die Frage des Geistlichen Wachstums?
  4. Wie gehen wir mit Menschen um, die in ihrer Entwicklung stecken geblieben sind? Wie holen wir sie zurück aufs Spielfeld?
  5. Wir gelingt es, den „Frustrierten“ zu vermitteln, dass sie selbst Verantwortung für ihr „Futter“ übernehmen müssen? Und wie unterstützen wir als Gemeinde diese Menschen am besten?

PRÜFEN

Mehr zu der REVEAL-Studie und den Ergebnissen finden sie in dem Buch „PRÜFEN“ – zu beziehen unter www.willow-shop.de.

 

 

 

 

Der Autor Jörg Ahlbrecht ist verheiratet mit Andrea, Papa von Ronja und Hanna, arbeitet für Willow Creek Deutschland und lebt mit seiner Familie in Weimar (Lahn).

 

Willow Creek Deutschland