Über den eigenen Kirchturm hinaus

Die Zukunft liegt jenseits der Parochie

  

Einleitung von Stefan Bölts - Teil 1:

  

Aufstehen, aufeinander zugehen

 

„Wir wollen aufstehen, aufeinander zugehen, von einander lernen, miteinander umzugehen…“ – so lautet ein Refrain von Clemens Bittlinger, der bei so mancher Kirchentagsveranstaltung und vor allem bei vielen Friedenslichtaktionen innerhalb der christlichen PfadfinderInnen-Verbände zum Klassiker geworden ist. „Aufstehen, aufeinander zugehen“, dass sind aber nicht nur fromme Wünsche, die man sich vielleicht angesichts einer „Eiszeit Ökumene“ oder des seit 9/11 angespannten interreligiösen Dialogs herbeizusingen erhoffen mag – „aufstehen, aufeinander zugehen“, dass bleibt leider auch bei vielen kleinen Projekten vor Ort ein frommer Wunsch, wenn ein verbohrter Pfarrer oder alteingesessene Kirchenälteste nicht über ihren eigenen Kirchturm hinaus denken wollen – ganz zu schweigen davon, jemals über selbigen Schatten springen zu können. 

  

Die Rede vom „Kirchturmdenken“ begegnet einem immer häufiger, und dies nicht erst seit gestern. Als Schlagwort prägt es viele binnenkirchliche Debatten – vielleicht gar nicht mal zu unrecht, wird die eine Leserin oder der andere Leser jetzt denken. Beispiele mögen einem zuhauf einfallen, und diese Mentalität scheint sich bis in die Landessynoden fortzupflanzen – wollen doch alle angeblich nur das Beste für ihr eigenes Kirchspiel vor Ort rausschlagen. Wer auf überregionale Kooperationen oder neue Modelle setzt, der erntet nicht selten Kritik an seiner Basis. 

   

Aber schaut man genauer hin, dann besteht diese Basis meist aus einem kleinen Kreis der Kerngemeinde, der nicht selten von einer Clubmentalität geprägt ist: „Zu erst geht es erst einmal um unsere Kirchengemeinde hier vor Ort, alles andere ist doch nur ein unnutzer Wasserkopf.“ Dies sind Pauschalurteile, die sich Vertreter funktionaler Dienste ebenso anhören müssen wie Mitglieder von Gremien und Kirchenleitungen auf mittlerer oder noch „höherer“ Ebene. Dass „die da oben“ auch eine Gesamtverantwortung für eine flächendeckende Versorgung mit kirchlichen Handlungsfeldern haben, wird meist ausgeblendet und der Nutzen von Funktionspfarrstellen oder überregionalen Diensten auch für die eigene Pfarrgemeinde vor Ort gern verkannt. 

  

Und doch kann man die Menschen auch verstehen, die sich unermüdlich bis zum Schluss für ihr Kirchspiel einsetzen. Dies mag regional unterschiedlich sein, nicht selten aber ist diese Einstellung gerade in ländlichen Räumen stark ausgeprägt. Strukturkrisen, Finanznöte und Sparmaßnahmen durch Stellenabbau betreffen überproportional die kleinen Gemeinden – die Sparpolitik wird schnell nach „unten“ durchgereicht und nicht selten beratschlagen „die da oben“, ob es eine 300- oder 400-Seelen-Gemeinde noch wert ist, hierfür eine Pfarrstelle im Finanzhaushalt einzuplanen. Die Welt ist zwar auch auf dem Lande längst mobiler geworden: Vom Konfirmanden bis zur Seniorin ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man zum nächsten Supermarkt, Kino oder Theater – aber auch zu weiterbildenden Schulen, kommunalen Behörden oder zur medizinischen Versorgung „über die Dörfer“ in das nächstgelegene Ballungszentrum pendeln muss. Und doch scheint es – hier vor allem aber für die älteren Generationen – ein fast unüberwindbares Hindernis zu sein, das Seniorencafe oder den Gottesdienst in einer benachbarten Pfarrgemeinde zu besuchen.

  

Hier spielen sicherlich verschiedene Aspekte eine Rolle. Zum einen ist es natürlich Resignation: „Erst verlassen uns Post und Bahn, nun auch noch die Kirche…“. Nicht zu unterschätzen ist aber auch die in der jüngsten Zeit immer wieder proklamierte „Beheimatungskraft“ einer Kirche vor Ort. „Die Kirche im Dorf lassen“ ist eben nicht einfach nur ein romantischer Traum von einer heilen idyllischen Welt, die mit unserer globalisierten Realität nichts mehr zu tun hat. Die Kirche als Begegnungsort, meist als einzig noch verbliebene Kulturträgerin in der Fläche und nicht zuletzt als „Orientierungspunkt“, hat noch für viele Menschen eine gewaltige Bedeutung. Dass sich z.B. in den neuen Bundesländern auch überzeugte Atheisten aktiv in Kirchbaufördervereinen zum Erhalt alter Dorfkirchen engagieren, sei hier nur als ein Beispiel genannt.

 

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Fortsetzung der Einleitung im PDF-Dokument:

 

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Einleitung_Aufbruch_in_die_Region.pdf

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