
von Kirchenrat Dan Peter,
Projektleiter WACHSENDE KIRCHE
Seit den 80er Jahren werden in vielen Gemeinden der Evangelischen Landeskirche in Württemberg vermehrt strukturierte geistliche Angebote wie Bibel- und Glaubenskurse, alternative Gottesdienstformen und „Gemeindeaufbaukonzepte“, teilweise aus dem charismatischen, dem freikirchlichen oder dem universitären Bereich, aber auch aus dem angelsächsischen Sprachraum (Alphakurse, Suchergottesdienste nach Willow Creek-Vorbild, Anregungen von Church Planting oder der Emerging Church…) ausprobiert.
So beteiligen sich beispielsweise seit 1993 zahlreiche Kirchengemeinden, oft in regional organisierten ökumenischen Aktionsgemeinschaften, an den Satelliten-Evangelisationen von ProChrist. Auffallend ist auch die Zunahme der so genannten Alternativ- oder Zweitgottesdienste im Bereich unserer Landeskirche. Die Internetseite der Missionarischen Dienste in Württemberg listet dazu mittlerweile rund 400 Angebote auf.
Viele dieser Maßnahmen wurden und werden ohne Begleitung oder Kenntnisnahme der Landeskirche oder ihrer lokalen Gremien durchgeführt. Andere Modelle wurden jedoch über kirchliche Einrichtungen (EKD-Initiativen, Gemeindeberatung, Missionarische Dienste…) initiiert und betreut wie zum Beispiel die Aktion „neu anfangen“ oder der EKD-Glaubenskurs „Christ werden – Christ bleiben“. Vor Ort werden solche Konzepte häufig weiter entwickelt und auch ganz Neues erprobt. So kann man im Raum unserer Landeskirche verschiedenste Entwicklungsstränge beobachten, nicht selten aber auch unnötigen Mehraufwand durch parallele Entwicklungen und manchmal Konzeptionen mit kritisch zu betrachtenden Zielsetzungen.
Eine weitere Anregung zum Projekt Wachsende Kirche ging 1999 von der EKD-Synode in Leipzig aus. Dort wurde unter anderem in der Kundgebung zum Schwerpunktthema "Reden von Gott in der Welt - Der missionarische Auftrag der Kirche an der Schwelle zum 3. Jahrtausend“ festgehalten (IV, 1): „Weitergabe des Glaubens und Wachstum der Gemeinden sind unsere vordringliche Aufgabe, an dieser Stelle müssen die Kräfte konzentriert werden. Dabei gibt es keine Alleinvertretungsansprüche. Wir werden dem missionarischen Auftrag nur gerecht, wenn wir eine Vielfalt der Wege und Konzepte bejahen.“
Damals und in den Folgejahren hatte unsere Landeskirche bereits mit großem Aufwand die Veränderungsprojekte WIRTSCHAFTLICHES HANDELN, NOTWENDIGER WANDEL, TRAIN THE TRAINER und PERSONALENTWICKLUNG auf den Weg gebracht. Diese bearbeiteten Sach- und Strukturfragen wie ein neues Finanzmanagement und Rechnungswesen, Planen mit Zielen, stringente Steuerungskreisläufe, Qualitätsmanagement, Konzentration im Pfarramt, strukturelle und rechtliche Veränderungen auf Gemeindeebene, „geordnete“ Mitarbeitergespräche und Zielvereinbarungsprozesse, Fortbildungsmaßnahmen für Multiplikatoren und vieles mehr. Doch wurde immer deutlicher, dass zusätzlich ein besonderes Projekt nötig ist, welches geistlich-theologische Aspekte in Veränderungsprozessen nicht nur mit bedenkt, das war in allen Projekten fester Bestandteil, sondern diese als zentrales Element und Schwerpunkt des Veränderungsprojekts setzt.
Deshalb kam aus der 13. Landessynode (Legislaturperiode 2001-2007) die Anregung, Konzepte mit geistlichen Schwerpunkten begleitet zu erproben, sie zu dokumentieren und geeignete Modelle als fakultative Anregungen für alle Gemeinden zu verbreiten.
Fast gleichzeitig wurde den Initiatoren bewusst, dass es bereits viel gelingende Arbeit zum Beispiel rund um die Kasualpraxis (Taufe, Konfirmation, Trauung, Bestattung), den Religionsunterricht oder die Kirchenmusik gibt, welche gefördert und verbreitet gehört.
Am 10. Juli 2004 wurde schließlich eine Schwerpunkttagung der Landessynode zum Thema „Wachsende Kirche“ mit drei Impulsreferaten durchgeführt und ein Projektauftrag auf den Weg gebracht, der folgenden Eckpunkte umfasste:
Die Referate zum Auftakt hielten Professor Dr. Hans-Joachim Eckstein, Tübingen, Professor Dr. Michael Herbst, Greifswald, und Prälatin Gabriele Wulz, Ulm.
Das Projekt Wachsende Kirche wurde zunächst durch eine „Ideengruppe“ vorgedacht, zu welcher aus der 13. Landessynode Dekan Ulrich Mack (jetzt Prälat von Stuttgart), Pfarrer Dr. Manfred Rohloff und Pfarrer Joachim Stricker, aus dem Evang. Gemeindedienst Pfarrer Friedemann von Keler (Gemeindeentwicklung und Gottesdienst), Pfarrer Werner Schmückle und Pfarrerin Maike Sachs (beide Missionarische Dienste), aus der Kirchenleitung Oberkirchenrat Werner Baur, Oberkirchenrätin Ilse Junkermann, Oberkirchenrat Heiner Küenzlen, Kirchenrat Markus Lautenschlager und ich gehörten.
Durch Beschluss des Oberkirchenrats wurden später aus der „Ideengruppe“ eine Projekt- und Steuerungsgruppe Wachsende Kirche in teilweise veränderter Besetzung gebildet. Die Projektstelle (50%) wurde mit Pfarrerin Maike Sachs besetzt, zwischenzeitlich unterstützt durch Pfarrerin Maren Müller-Klingler (seit Sommer 2007 im Mutterschutz) und Pfarrer Johannes Reinmüller (je 25% im Projekt WK). Alle drei Stellen sind bei den Missionarischen Diensten angesiedelt. Die Projektleitung liegt im Oberkirchenrat bei Referat 1.3 „Publizistik und Gemeinde“. Im Herbst 2006 wurde zudem eine Initiativ- und Vorbereitungsgruppe für den Kongress zum Thema Wachsende Kirche konstituiert, deren Leitung Pfarrer Johannes Eißler, ebenfalls Missionarische Dienste, wahrnimmt.
Die wissenschaftliche Begleitung des Projekts leistet neben dem Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald seit September 2007 der Theologe Dr. Heinz-Peter Hempelmann. Seine Aufgabe besteht unter anderem darin, zusammen mit dem Institut in Greifswald eine Untersuchung durchzuführen, welche empirisch erfasst, wie Menschen in unserer Gesellschaft sich dem christlichen Glauben annähern und zum Glauben finden. Erste Zwischenergebnisse dieser anspruchsvollen Untersuchung im Schnittfeld von Soziologie und Theologie, die später auch in anderen Gebieten Deutschlands fortgesetzt wird, werden auf dem Kongress in Stuttgart vorgestellt.
Im Frühjahr 2006 wurden die Projektziele (den vollständigen Text finden Sie unter www.wachsendekirche.de) an den größtmöglichen Verteiler der Landeskirche (Gemeinden, Bezirke, Einrichtungen) verschickt. Darin heißt es: „Ziel des Projektes Wachsende Kirche (WK) ist es, den Glauben und die Zuversicht in den Gemeinden und Einrichtungen unserer Landeskirche zu fördern. WK soll Anstöße geben, wie Kirche wachsen kann in einer Gesellschaft, in der das Erwachen von Religiosität und Sinnsuche zu beobachten ist, trotz eines spürbaren Rückgangs an Mitgliedern, Mitteln und Ansehen.“
Das Projekt Wachsende Kirche soll
Die Gesprächsanregungen wurden gut angenommen, die Diskussion in den Kirchengemeinden setzte ein.
Gleichzeitig wurde zur Beteiligung in Form von lokalen Projekten und Erprobungen aufgerufen. Als Anreiz bot das Projekt die fachliche Beratung und Begleitung anstehender Aktionen an. Außerdem wurde bewusst nicht nur nach neuen Ideen oder innovativen Maßnahmen gefragt, sondern auch zur Rückmeldung bewährter Modelle oder erfolgreicher Maßnahmen, die vor Ort geschehen, aufgerufen.
Eine der Maßnahmen des Projektes ist es, Initiativen, die in der Breite volkskirchlichen Lebens geschehen, zu dokumentieren und sie allen Interessierten zugänglich zu machen, „dass viele an ihnen partizipieren“ (vgl. Ziele – Wachsende Kirche). Die mit diesem Band begonnene Buchreihe versucht unter anderem diesem Anliegen nachzukommen.
Der Kongress am 11./12. April 2008 im Stuttgarter Kongress- & Kulturzentrum Liederhalle stellt einen herausragend wichtigen Meilenstein „mitten im Projekt“, eine Art „Zwischenbericht“ dar. Er nimmt die Funktion einer gegenseitigen Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Begegnungsplattform ein, dient zudem der „Sichtung“ und „Multiplikation“ der ersten Projektergebnisse in die Bezirke hinein.
Eine erste Hürde im Projekt bildete aufgrund sehr unterschiedlicher Vorstellungen die Festschreibung der Themenschwerpunkte.
Schließlich hat sich die Projektgruppe auf fünf Themenfelder verständigt, welche einerseits unsere Landeskirche in ihrer „volkskirchlichen“ Ausrichtung ernst nehmen und andererseits den spirituellen Aspekt des Projekts betonen. Denn zum Wachstum gehören nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Aspekte:
„Eine Kirche, die das Wachstum will, wird darauf hinarbeiten, dass ihre Glieder des eigenen Glaubens gewiss werden und die Sprachfähigkeit in Glaubensfragen einüben. Sie wird spirituelle Räume suchen, entdecken und schaffen, in denen Menschen zum Glauben kommen und im Glauben wachsen.“ (vgl. Ziele – Wachsende Kirche)
Folgende Überschriften dienten der Strukturierung des Projekts:
Bei einer offen ausgeschriebenen „Theologischen Konsultation“ (22. Juli 2006) mit ca. 50 Personen wurden diese Themen erstmals erörtert und präzisiert. Inzwischen liegen auch aus mehreren lokalen Erprobungen erste Ergebnisse vor. An fünf Orten liefen diese Erprobungen unter dem Titel „Gemeinde kann wachsen“. Spätere Erprobungen behandelten Entwicklungen rund um den Hauptgottesdienst (Neuenstadt, Ingelfingen, RT-Oferdingen), das Zusammenwachsen von Gemeinden und neue Wege einer missionarischen Ausrichtung von Gemeinde (Distrikt Neuffener Tal), die Kommunikation innerhalb der Gemeinden und nach außen Seelsorgeschulung (Murrhardt) , die Profilbildung in einer Stadt am Beispiel der Öffentlichkeitsarbeit (Schorndorf), Glaubenskurse und Sprachfähigwerden von Gemeinde über den Emmauskurs (Kirchenbezirk Bernhausen), die geistliche Leitbildentwicklung (Merklingen), die Kooperation von Gemeinde und Schule (neues Gemeindehaus Rielingshausen), die Familienarbeit (in Vernetzung mit dem Bildungsdezernat der Landeskirche) und einen Neuanfang in der Jugendarbeit (Onstmettingen).
Weitere Themenfelder sollen innerhalb des Projekts bis zu seinem Ende 2009 zusätzlich aufgegriffen werden. Für den Kongress wurden deshalb auch Themen aus der Diakonie, der Kirchenmusik und der Kunst aufgenommen, denn gerade diese Handlungsfelder greifen weit über den Bereich der Kirchenglieder hinaus. Überraschend viele Gemeinden, Bezirke und Einrichtungen haben im Vorfeld des Kongresses ihr Interesse angemeldet, eigene Erfahrungen und Modelle im Seminarbereich und auf dem „Markt der Möglichkeiten“ vorzustellen (über 160 verschiedene Anmeldungen).
Für den Kongress wurden die fünf Themenfeldern nochmals neu gefasst:
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Frage, wie Kirche wächst durch Konzentration und Delegation, durch das Zurückschneiden von Verpflichtungen und Erwartungen, sowie durch die daraus resultierende Entlastung der Mitarbeitenden. Die Wirtschaft kennt dafür den Begriff des Negativwachstums, in der Kirche liegen darüber kaum Erfahrungen vor.
Die Projektleitung hofft und erwartet, dass das Projekt „Wachsende Kirche“ auf verschiedenen Ebenen der Landeskirche und in den Gemeinden ein geistliches Nachdenken anstößt. Möglichst vielen soll bewusst werden, dass die Zukunft der Kirche Jesu Christi unter der Verheißung des Wachstums steht.
Hans-Joachim Eckstein begann 2004 sein Auftaktreferat in der Stuttgarter Stiftskirche mit den Worten:
„Lasset uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen … dass der Leib wächst und sich selbst aufbaut in der Liebe. Epheser 4,15-16 ist programmatisch zu verstehen. Wachstum ist der Gemeinde Jesu Christi, respektive seiner Kirche, verheißen. In diesem Sinne ist der Projektname Wachsende Kirche „einerseits … provokativ und befremdend, andererseits aber zugleich … herausfordernd und unumgänglich“.
Ich wünsche mir, dass sich Ermutigung und Zuversicht ausbreiten, wie wir sie von Anfang an im Projekt erlebt haben. Dieser Kongress soll über unsere ersten Erfahrungen hinaus Ideen und Anregungen bekannt machen, die das Wachstum der Kirche Jesu Christi aus unterschiedlichsten Perspektiven bedenken, bezeugen und dazu ermutigen, eigene Erfahrungen mit der selbst wachsenden Saat zu machen (vgl. Markus 4,26-29).
„Wachsen gegen den Trend“ – das ist möglich. Wachstum geschieht in aller Regel leise und unspektakulär. Wer sät braucht Geduld und Vertrauen. Das Projekt soll keine zusätzliche Belastung werden, sondern dient der Ermutigung in der alltäglichen Arbeit. Dieses Ziel haben wir uns gesteckt und diesem Grundton fühlt sich die Projektleitung auch bei diesem Kongress, der auf unerwartet große Resonanz gestoßen ist, verpflichtet.
Projekt und Kongress WACHSENDE KIRCHE
Pressekonferenz am 11. April 2008 im KKL Stuttgart
Der Autor Kirchenrat Dan Peter ist Referatsleiter für "Publizistik und Gemeinde" im Stuttgarter Oberkirchenrat der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und Projektleiter des Projekts WACHSENDE KIRCHE.
Kopfbild: Woyzeck / www.pixelio.de