
„Frieden. Gerechtigkeit. Bewahrung der Schöpfung.“ Diese Schlagworte aus dem Konziliarer Prozess haben seit der VI. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) 1983 in Vancouver (Kanada) nicht nur viele Debatten geprägt, sondern haben vielerorts in den Pfarreien und Kirchenverbänden konkrete Projekte und Maßnahmen folgen lassen. Der gewaltige Boom an gesellschaftspolitischen und vor allem ökologischen Projekten aus dem Raum der Kirchen scheint seit Jahren rückgängig – oder wird zumindest von ganz anderen Reformdebatten überlagert. Dennoch gibt es sie noch, die „grüne“ Ader in der Kirchelandschaft. Und inzwischen haben sich viele Initiativen und Überlegungen auch zu einem „Umweltmanagement“ in der Kirche professionalisiert.[1] So gibt es in manchen Landeskirchen Aktionen und Projekte unter dem Logo des „grünen Hahn“ oder „grünen Gockel“.[2] Und spätestens seit dem der Klimawandel zum Modewort in Medien, Wirtschaft und Politik geworden ist, diskutieren auch viele Pfarrgemeinderäte oder Presbyterien darüber, ob sie Solarzellen aufs Gemeindehaus aufstellen können oder ihren Energiebedarf mit Ökostrom abdecken wollen...
Warum Ökostrom?
Nicole Kikillus und Christian Clemens gehen dieser Frage auf ihrer Internetplattform www.oekofieber.de nach. Der Bezug von Ökostrom sei ein bequemer Beitrag zum Umweltschutz. Der Wechsel zu einem Ökostrom-Anbieter kostet nur 10 Minuten Zeit und fordert keine Einschränkungen, kein Engagement. Je mehr Haushalte Ökostrom kaufen, desto weniger Bedarf an Kohle, Erdgas, Erdöl oder Uran und desto weniger CO2-Belastung - denn Ökostrom wird CO2-neutral und klimafreundlich hergestellt. Und Ökostrom sei kaum oder gar nicht teurer: ca. 2-5 Euro im Monat - je nach Wohnort, bisherigem Anbieter und Tarif – teilweise könne man sogar auch Geld sparen (ohne Berücksichtigung von extrem günstigen Anbietern mit langen Vertragslaufzeiten, seltsamen "Kautionszahlungen" oder Vorauszahlungen für ein ganzes Jahr). Mit einem Umzug 2004 fing es bei ihnen an: Die beiden wollten umweltfreundlich produzierten Strom aus erneuerbaren Energiequellen: Ökostrom. Irgendwie löste der Gedanke daran ein gutes Gefühl aus... Und das obwohl der Ökostrom sogar etwas teurer sein sollte: ca. 1,74 Cents pro Kilowattstunde (kWh) – für die beiden bedeutete dies etwa 2 Euro im Monat. Aber das war ihnen das gute Gefühl wert. Den Mehrpreis konnten sie durch die Umstellung unserer Wohnung auf Energiesparlampen und weitere Stromsparmaßnahmen auch recht bald wieder rausholen. Christian schreibt dazu auf seiner Webseite: „Der Wechsel zum Ökostrom-Anbieter unserer Wahl (LichtBlick) dauerte keine 10 Minuten: Formular ausfüllen, abschicken und warten, bis LichtBlick die Formalitäten mit dem bisherigen Stromanbieter geklärt hatte. Und schon kam Ökostrom aus unseren Steckdosen... Naja, stimmt nicht so ganz. Bei uns kommt immer noch der gleiche Strom aus der Steckdose wie vorher. Aber wir sorgen nun dafür, dass der von uns benötigte Strom als Ökostrom produziert und in das Stromnetz eingespeist wird (und nicht mehr als schmutziger Strom, wie z.B. Atomstrom).“ [3]
Aber wie grün ist Ökostrom wirklich? ...
Schummelei beim Ökostrom (?)
So jedenfalls titelte die Financial Times Deutschland (FTD) am 11.06.2008 einen exklusiven Beitrag von Tobias Bayer.[4] Der Ökostromanbieter LichtBlick habe entgegen eigener Angaben auch Atom- und Kohlestrom an seine Kunden geliefert und diesen nach FTD-Informationen mehrfach an der Leipziger Strombörse European Energy Exchange (EEX) eingekauft. An der Leipziger Strombörse wird vor allem konventioneller Strom etwa aus Atom- und Kohlekraftwerken gehandelt. Der Stromanbieter LichtBlick dagegen wirbt damit, man verzichte "vollständig auf Strom aus Atom-, Kohle- und Ölkraftwerken".
Auf dem Energiemarkt bieten inzwischen rund 500 Stromversorger Ökostrom an. Angesichts des Booms von Anbietern regenerativer Energien mehren sich allerdings auch die skeptische Stimmen, schreibt Tobais Bayer. So hätten Wissenschaftler des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie etwa viele Ökostromangebote erst kürzlich als "grüne Mogelpackungen" kritisiert.
Bisher hatte LichtBlick bestritten gehabt, an der Leipziger Strombörse zu handeln. Nun habe der Anbieter gegenüber der FTD eingeräumte, Strom auch am EEX-Spotmarkt einzukaufen. In einer Pressemeldung vom 10.6. nimmt LichtBlick hierzu Stellung:
„Die von der FTD aufgegriffene Thematik betrifft nicht den planbaren Stromeinkauf, der den prognostizierten Bedarf der Stromkunden vollständig deckt. Vielmehr geht es hier nur um die Mengen, die zur Kompensation von kurzfristig auftretenden Abweichungen zwischen prognostiziertem und tatsächlichem Verbrauch der Kunden erforderlich sind. Es handelt sich dabei um zwangsläufig auftretende Mengen, die weniger als ein Prozent der Gesamtmenge ausmachen. Diese sogenannte Regelenergie kann nicht "grün" beschafft werden. Jeder Ökostromanbieter kann diese Abweichungen nur über den Regelenergiemarkt oder den Spotmarkt der Strombörse kompensieren. Alternativen gibt es nicht, weil es weder einen Regelenergie- oder Spotmarkt für Ökostrom noch regenerativ erzeugte Ausgleichs- und Regelenergie gibt. In energiewirtschaftlichen Fachkreisen ist dieser Sachverhalt eine Selbstverständlichkeit. Das von der FTD angeblich aufgedeckte Verfahren ist seit Beginn der Liberalisierung gängige Marktpraxis bei allen Strom- und im Übrigen auch Gasversorgern. [...]“ [5]
Unterstützung bekommt LichtBlick von einem Stromexperten: "Es gibt keinen hundertprozentigen Ökostrom. Das ist systembedingt in Deutschland ausgeschlossen", sagte Stromexperte Tobias Federico von Energy Brainpool. "Hat ein Anbieter Gewerbekunden, muss er Prognoseabweichungen in der Stromabnahme ausgleichen." Und dies gehe nur über die Börse oder sogenannte Regelenergie - etwa ein eigenes Kraftwerk. Robert Werner von „Greenpeace Energy“ hält dagegen: „Wir kaufen keinen Strom an der Börse. Unser Ökostrom stammt aus sauberen Kraftwerken, die in Lieferverträgen exakt definiert sind“.[6] Für „Greenpeace Energy“ ist Transparenz ein Verbraucherrecht. Der Anbieter sei deshalb seit Jahren Vorreiter in Sachen Stromkennzeichnung. So mache der Strombarometer auf der Homepage den Strommix anschaulich nachvollziehbar und es gibt einen Herkunftsnachweis, der ausführlich über die Herkunft Stroms informiert. „Greenpeace Energy“ beziehe grundsätzlich nur Strom aus umweltfreundlichen Kraftwerken. Die Betreiber dieser Anlagen verfolgen eine ökologisch förderliche Geschäftspolitik und seien weder mittelbar noch unmittelbar an Atomkraftwerken beteiligt.[7]
In gleich zwei neuen Studien hat „Greenpeace Energy“ Spitzenplätze belegt. Laut einer repräsentativen Umfrage ist die Ökostrom-Genossenschaft der vertrauenswürdigste Stromanbieter in Deutschland. Und die „Stromstudie 2008“, die größte Untersuchung der Servicequalität von Elektrizitätsversorgern, gab „Greenpeace Energy“ in der Kategorie „Online überregional“ die Note „sehr gut“.[8]
Natürlich ist es besonders Heikel, wenn Stromanbieter ihre Energie einfach umdeklarieren und mit einem grünen Qualitätssiegel versehen als Ökostrom unter die Leuchte bringen. Und da die Sparte mit dem „sauberen Strom“ gerade boomt, muss unsereins sicherlich sehr genau hinschauen. So mancher Unternehmer kommt vielleicht auf den Geschmack, mit neuem Etikett mehr Geld zu verdienen – dies kommt einem vielleicht aus zurückliegenden Diskussionen um den „Bioanbau“ in der Landwirtschaft bekannt vor. Aber es macht sicherlich einen großen Unterschied, ob Großkonzerne nur „grüne“ Tochterunternehmen gründen, um ihren Strom anders zu vermarkten – oder ob Stromanbieter mit einer ökologischen Unternehmensphilosophie notfalls zu einem geringfügigen Prozentanteil auf andere Kilowattstunden zurückgreifen müssen, damit die Endkunden zu Spitzenzeiten nicht im Dunkeln sitzen bleiben. Eine Diskussion um die Qualität und Transparenz von Ökostrom-Anbietern ist sicher sinnvoll und notwendig,[9] ob hieraus aber ein „erheblicher Imageverlust erwachsen“[10] muss oder mehr Transparenz und Aufklärung auf dem Energiemarkt nicht eher das Verständnis und Vertrauen steigern kann, werden die Kunden am Ende selbst durch ihr Kaufverhalten entscheiden.
Zeichen setzen
Sicherlich mag es zudem in manchen Pfarreien auch Diskussionen darüber geben, ob man überhaupt mit Ökostrom die Welt retten könne. In vielen Bereichen setzen kirchliche Initiativen Zeichen: Ob es um Entschuldung im Erlassjahr geht oder um fair gehandelte Lebensmittel. Und in den Friedensdebatten gibt es sogar ein schönes Gedicht, indem es vielleicht nur noch um einer einzigen weiteren Stimme zum Frieden in der Welt bedarf. Auch Gemeinden, die ihren gesamten Strombedarf nicht über Solarplatten abdecken können, oder deren Strom vielleicht nicht unmittelbar aus einem sauberen Kraftwerk stammt, können im ökologischen Bewusstsein ein Zeichen setzen. Und wie schrieb Christian noch gleich: „Bei uns kommt immer noch der gleiche Strom aus der Steckdose wie vorher. Aber wir sorgen nun dafür, dass der von uns benötigte Strom als Ökostrom produziert und in das Stromnetz eingespeist wird.“ Auch kleine Schritte können hier helfen und Zeichen setzen - und je mehr Menschen diese kleinen Schritte tun und unterstützen, desto mehr „grüner Strom“ kommt auch aus der eigenen Steckdose.
von Stefan Bölts
Weitere Informationen und Anbieter zum Thema Ökostrom im weltweiten Web:
www.lichtblick.de
www.greenpeace-energy.de
www.naturstrom.de
www.unendlich-viel-energie.de www.atomausstieg-selber-machen.de www.kommunal-erneuerbar.de

[1] z.B. in der Ev. Kirche von Westfalen (EKvW): www.kirchliches-umweltmanagement.de
[2] So führt z.B. die Ev.-luth. Landeskirche Hannovers wie andere Landeskirchen ein solches kirchliches Umweltmanagementsystem ein: www.gruenerhahn.de. Weitere Informationen zum Thema unter www.gruener-gockel.de oder in einer Übersicht unter: www.kirche-von-morgen.de/du-bist-oldenburg/Umweltmanagement.htm
[3] www.oekofieber.de/umweltschutz/artikel/wohnen/wechsel-zu-oekostrom.html
[4] www.ftd.de/unternehmen/handel_dienstleister/:Schummelei%20%D6kostrom/370451.html
[5] www.lichtblick.de/img/home/080611_LichtBlick_stellt_FTD-Artikel_richtig.pdf
[6] www.bild.de/BILD/hamburg/aktuell/2008/06/12/lichtblick-in-der-kritik/ wie-gruen-ist-der-oekostrom-wirklich.html
[7] www.greenpeace-energy.de/strom.php
[8] www.greenpeace-energy.de/aktuell_newsdetail.php?id=204
[9] Die „Projektwerkstatt“ hat hierzu sieben Kriterien für den „Ökostrom von unten“ aufgestellt: www.projektwerkstatt.de/strom/fragen.html. Weitere Anregungen: www.utopia.de/wissen/a-z/o#oekostrom
Internetplattform mit Informationen und Links zu den Themen "Kirche und Umweltschutz", "Grüner Hahn", Klimaschutz und Green New Deal unter: www.gesellschaft-gestalten.de
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